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Die "Causa FC Sion"
Rechtsfragen zu einem komplexen Streitfall

 

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Selbst Juristen sind ratlos

 
Gegen den FC Sion sind über zwanzig verschiedene Verfahren geführt worden oder noch hängig

An einer Tagung hat sich das Swiss Sport Forum den juristischen Fragen rund um den Super-League-Verein FC Sion gewidmet. Mehrere Teilnehmer votierten dafür, die staatliche Gerichtsbarkeit im Sport auszuschliessen.

Von Peter Eggenberger

Kaum jemand hat noch den Überblick über die vielen rechtlichen Händel, die rund um den Super-League-Klub FC Sion hängig waren oder sind. Vielleicht weiss es nicht einmal mehr Sittens Präsident Christian Constantin. Und auch die Juristen, die am vergangenen Donnerstag an einer Tagung im Zürcher Letzigrundstadion zum Thema «Die Causa Sion – Rechtsfragen zu einem komplexen Streitfall» teilnahmen, waren manchmal ratlos. Denn über zwanzig verschiedene Verfahren kann man zählen, fast alle mit der Ergreifung von Rechtsmitteln.

Entscheid mit Rückwirkung?

Ausgangspunkt war die Transfersperre der Fifa gegen Sitten, weil der Klub im Februar 2008 den ägyptischen Goalie Essam El-Hadary zum Vertragsbruch verleitet und von Al-Ahly Kairo ins Wallis geholt hatte. Trotz dieser Sperre verpflichtete Sitten im Sommer 2011 Mario Mutsch, Stefan Glarner, Gabri, José Gonçalves, Billy Ketkeophomphone und Pascal Feindouno. Die Swiss Football League qualifizierte die sechs Spieler prompt nicht für die Teilnahme an der laufenden Meisterschaft.

Die Spieler gelangten gegen diese Sperre an das Bezirksgericht in Martigny, das am 3. August 2011 die Qualifikation für die Teilnahme an der Meisterschaft vorsorglich erteilte. Am 16. November 2011 hob das Kantonsgericht in Sitten diese Massnahme indes wieder auf.

Auf Druck der Fifa zog der Schweizerische Fussballverband (SFV) Sitten für dessen Verhalten 36 Punkte ab. Das Berner Obergericht wird demnächst über diesen Punktabzug urteilen.

In erster Linie interessiert die Rangliste

Sportlich interessiert in erster Linie die Tabelle der Super League. Die juristischen Scharmützel könnten darauf einen beträchtlichen Einfluss haben. Eine zentrale Frage ist, ob Meisterschaftsspiele in der Zeit von der Qualifikation der Spieler durch das Bezirksgericht Martigny bis zur Aufhebung dieser Qualifikation durch das Kantonsgericht Sitten wiederholt werden müssen. Dies beträfe jene Spiele, an denen einige oder alle der genannten Spieler teilgenommen haben.

Juristisch geht es um die Frage, ob dem Entscheid des Kantonsgerichts Wallis Rückwirkung zukommt. Das ist unter Juristen umstritten. «Die Spiele müssten wohl wiederholt werden, aber das ist aus praktischer Sicht sehr schwierig», sagte die Rechtsprofessorin Regina Aebi-Müller von der Universität Luzern. Das Szenario wäre ein veritabler Albtraum für die Swiss Football League.

Aebi-Müller hätte den betroffenen sechs Spielern im Übrigen geraten, gegen ihren Arbeitgeber zu klagen, nicht gegen die Swiss Football League. Angesichts der Tatsache, dass bei ihrem Wechsel im Sommer 2011 die Transfersperre gegen Sitten bereits seit Monaten bekannt war, könnte indessen auch argumentiert werden, die Spieler hätten in das Risiko einer Sperre eingewilligt.

Wie viele Punkte Sitten am Schluss der laufenden Meisterschaft wirklich abgezogen werden, ist offen. Verschiedene Juristen erachten die Rechtsgrundlage für die Sanktion durch den SFV als ungenügend.

Abseits staatlicher Gerichte?

Für die Tabelle von Bedeutung sind weiter die Proteste und Einsprachen verschiedener Super-League-Klubs gegen die Wertung von Spielen, an denen betroffene Spieler teilgenommen haben. Diese Verfahren sind vor dem Sportschiedsgericht TAS in Lausanne hängig. Sollten die Spiele 0:3 forfait gegen Sitten gewertet werden, könnten die Walliser nochmals Punkte verlieren. Aber ist Sitten durch den 36-Punkte-Abzug nicht schon genug gestraft?

Die eingeleiteten Verfahren betreffen vereins-, persönlichkeits-, arbeits- und kartellrechtliche Aspekte. Juristisch hoch spannende Fragen stellen sich. Die Ungewissheit belastet aber den laufenden Meisterschaftsbetrieb stark. Es ist nicht absehbar, wann die Tabelle der Saison 2011/12 definitiv ist.

Mehrere Teilnehmer der Tagung votierten denn auch dafür, die staatliche Gerichtsbarkeit völlig auszuschliessen, auch für vorsorgliche Massnahmen. Klubs, die trotzdem die staatliche Gerichtsbarkeit anrufen, sollen sanktioniert werden. «Mit dauernden gerichtlichen vorsorglichen Massnahmen ist die Liga nicht regulierbar», sagte Thomas Grimm, der im November wegen der Causa Sitten als Präsident der Swiss Football League zurückgetreten war.

Quelle: 28. März 2012, NZZ Online



Quelle: 28. März 2012, NZZ


Quelle: 24. März 2012, Walliser Bote

«Die Liga wird verlieren»


Von Stefan Kreis

Christian Constantin will weiter gegen den Abzug von 36 Punkten klagen – auch wenn sein FC Sion in den Cup-Final einzieht und sich so für die Europa League qualifiziert.

Am Mittwoch hat sich der FC Sion mit einem 3:1-Sieg beim FC Biel für den Cup-Halbfinal qualifiziert und trifft am 11. April zu Hause im Tourbillon auf Luzern. Zur gleichen Zeit spielt der FC Basel auswärts in Winterthur um den Einzug in den Final, der am 16. Mai in Bern stattfinden wird. Sollten sowohl Sion als auch Basel gewinnen, wären die Walliser so gut wie sicher für das internationale Geschäft qualifiziert, weil der FCB vor dem 15. Meistertitel steht und somit um die Qualifikation zur Champions League spielen dürfte. Für den Sportjuristen Urs Scherrer, der gestern im Letzigrundstadion zu einer Zusammenkunft in der «Causa Sion» lud, wäre es ein Wunschszenario: «Wenn sich Sion via Cup-Final für die Europa League qualifiziert, dann würde die juristische Kampfeslust der Walliser wohl erlahmen.»

Doch weit gefehlt! Denn Sion-Boss Christian Constantin denkt nicht im Traum daran, den Fall ad acta zu legen. Unabhängig vom Ausgang der beiden Halbfinalspiele droht der Architekt aus Martigny das Urteil weiterzuziehen. Zur Erinnerung: Die Swiss Football League (SFL) hat dem FC Sion im Januar 36 Punkte abgezogen und den Club damit auf den letzten Platz der Tabelle verbannt. Constantin fragt gewohnt angriffslustig: «Was mache ich, wenn mein Club in der Barrage landet?» Dann stellt er klar: «Ich kann dieses Urteil nicht akzeptieren und bin sicher, dass die Liga am Ende verliert.»

Sion ist derzeit abgeschlagenes Schlusslicht, liegt elf Punkte hinter dem Vorletzten Lausanne und dürfte den rettenden achten Rang bei zehn noch ausstehenden Spielen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht erreichen.

Constantin wähnt sich im Recht

Neben der sportlichen Misere haben die Walliser gemäss Constantin aber auch wirtschaftlich bluten müssen: «Unser Hauptsponsor ist wegen des Urteils der Liga abgesprungen. Insgesamt haben wir einen Schaden von 2,5 Millionen Franken, der aber noch grösser werden könnte, wenn wir für die neue Saison keinen neuen Sponsor finden.» Für den streitbaren Präsidenten ein weiterer Grund, um weiterzuklagen, zumal sich der Architekt vom Zivilgericht Bern-Mittelland bestätigt fühlt. Dieses hatte am 14. Februar entschieden, dass der FC Sion Opfer einer Verletzung des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) ist. Die Urteilsbegründung: «Der SFV hat seine eigenen Statuten doppelt verletzt. Mit dem Punkterückzug hat er seine Kompetenzen überschritten. Ein solcher Entscheid ist entgegen seiner eigenen Statuten und somit potenziell gegenstandslos.»

Somit hat der Richter bestätigt, dass die Erfolgschancen des Walliser Vereins im Grunde sehr gross sind. Der Richter hat auch zugegeben, dass der Entscheid eine irreparable Schädigung an Sion ergeben könne. Mit diesen Elementen sind die Konditionen für provisorische Massnahmen vereint. Das Gericht hat aber die Dringlichkeit dieser Massnahmen nicht bewilligt. Somit wird der FC Sion beim Berner Kantonsgericht Berufung einlegen, um eine geregelte Meisterschaft zu haben. «Wenn das Urteil des Verbandes bestehen bleibt, dann könnten wir Fussball genauso gut auf der Playstation spielen», sagt Constantin und ist felsenfest davon überzeugt, dass er am Ende gewinnen wird und die Liga den Punkteabzug rückgängig macht.

Juristen unterstützen die Liga

An einer Kompromisslösung ist der Walliser nicht interessiert. «Es geht nicht darum, dass uns die Liga zwanzig Punkte zurückgibt, sondern darum, wer am Ende recht behält.» Anders sehen die zahlreichen Juristen, die gestern im Letzigrund anwesend waren und über Constantin und die «Causa Sion» diskutierten, diesen Fall. Der Tenor war eindeutig: «Der FC Sion hat trotz der von der Fifa verhängten Transfersperre fünf Spieler verpflichtet und sich gegen das Verbandsrecht gestellt. Deshalb wurden dem Verein 36 Punkte abgezogen, denn die Profis waren in den betreffenden zwölf Partien nicht spielberechtigt.»

Diese gelangten damals im Sommer 2011 an das Zivilgericht in Martigny und erstritten sich die Teilnahme an der Super sowie an der Europa League. Für die Juristin Regina Aebi-Müller von der Universität Luzern ein grober Fehler: «Die Spieler hätten den Club verklagen müssen, weil dieser damals versprach, dass sich alles regeln werde, was aber nicht der Fall war. Stattdessen gingen sie auf Druck des Vereins an ein ziviles Gericht.» Der ehemalige Nationalstürmer Claudio Sulser, der für GC einst über 100 Tore erzielt hatte und heute als Jurist in Lugano tätig ist, blies ins gleiche Horn: «Ich hätte keinen Vertrag beim FC Sion unterschrieben, denn man wusste schon damals, dass es ein Risiko ist, weil ein Rechtsfall hängig war.»

Aussichten auf Erfolg gering

Constantin nimmt solche Aussagen mit einem Lächeln zur Kenntnis und wird nicht eher ruhen, bis sein FC Sion recht erhält. Statt aufzugeben und das Urteil endlich zu akzeptieren, wird er die Juristenlandschaft in der Schweiz auch in den nächsten Monaten weiter in Atem halten.

Die Aussichten, dass Constantin die juristische Schlacht gewinnen wird, sind aber deutlich geringer als die Chance, dass er den Cup-Pokal am 16. Mai in Bern in die Höhe stemmen darf. Denn: Der FC Sion ist nicht weniger als der beste Cup-Verein der Welt und siegte bei bisher 12 Final-Teilnahmen 12 Mal. (Basler Zeitung)

Quelle: 23. März 2012, Basler Zeitung


 

 


 

 

 

 


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